Referenzen:

AutoMotorSport

Ausgabe Heft 9/1997 // Impression: Mercedes 280 SE Cabrio S.174 von Herr Wolfgang König. (18.April 1997)

Was sieht aus wie ein Cabrio der sechziger Jahre, fährt wie ein Mercedes der späten Achtziger, ist aber so gut wie neu?

Wolfgang Frobeen, Mercedes-Spezialist, liefert die Antwort.

Sein Mercedes 280 SE Cabrio steckt voller Überraschungen.

Prunkvoll, reich, fürstlich, pompös, auch dekadent — man kann es nennen, wie man will: Fest steht, dass es ein Interieur wie dieses selbst in der Geschichte des noblen Hauses Mercedes-Benz nicht alle Tage gab. Dagegen wirken die Fahrgastzellen von heute wie Armenhäuser.

Zur Schau getragen wird es von einem Mercedes Cabriolet der sechziger Jahre, das Prunkmodell der Wirtschaftswunderzeit. Genau danach sieht es auch aus.

Ausladende Formen, eine Motorhaube, die etwas darstellt, der monumental empor ragende Traditionsgrill und jede Menge Chrom — so imposant gerieten die Cabriolets von Mercedes nie wieder. Abgesehen davon, dass nach dem Ableben des Prunkmodells im Jahr 1971 mit dieser Art des Open-Air-Vergnügens ohnehin für längere Zeit Schluss war.

Das viersitzige Mercedes Cabrio verschwand bis zum Erscheinen der entsprechenden E-Klasse-Variante für 20 Jahre in der Versenkung. Damit war das Schicksal des alten Flaggschiffs besiegelt: Die Baureihe mit der internen Bezeichnung W 111,

als Cabrio und als Coupe gebaut, entwickelte sich umgehend zum Klassiker.

In den Boomzeiten gegen Ende der achtziger Jahre bezahlten Sammler für perfekte Exemplare bis zu 200 000 Mark. Aber das hat sich inzwischen normalisiert.

,,Heute sind gute Cabrios ab 230 000 Euro zu haben“, sagt Wolfgang Frobeen.

Der W 111-Spezialist aus Neckartenzlingen bei Stuttgart weiss aber auch,

dass sich mancher potentielle Cabrio-Käufer vom Ziel seiner Träume mehr verspricht, als es hernach zu halten vermag.

,,Sie erfüllen sich einen Jugendtraum, vergessen aber, dass unterdessen 30 Jahre vergangen sind“, bedauert Frobeen und verweist auf die nach heutigen Massstäben durchwachsenen Fahreigenschaften des Traumschiffs. Auch in puncto Komfort erwarte der moderne Mercedes-Mensch oft mehr. Jedenfalls wirke die etwas zittrige und mit trampolinartigen Polstern ausgestattete Luxuskarosse eher ernüchternd.

Selbst die Leistung, die dem Mercedes einst einen Stammplatz auf der Überholspur reservierte, erscheint mittlerweile häufig zu knapp. Speziell die Sechszylindervarianten des W 111 erzeugen nach heutigen Begriffen mit relativ viel Geräusch relativ wenig Vortrieb. Allenfalls die 3,5 Liter-V8-Modelle, 1969 als krönender Abschluss der seit 1961 laufenden Baureihe vorgestellt, vermögen auch heute noch, dem Verlangen nach Überfluss zu entsprechen.

Das spiegelt sich im Preis wider, zumal Cabrios vom Typ 280 SE 3.5, so die korrekte Bezeichnung, ziemlich rar sind (nur 1232 Exemplare wurden gebaut).

Alles in allem Gründe genug, um Mercedes-Maniac Frobeen in seinem radikalen Vorhaben zu bestärken. Damit Anspruch und Wirklichkeit endlich zusammenpassen, ersann er eine ebenso naheliegende wie ehrgeizige Lösung: Unter dem prachtvollen Gewand des Veteranen verstecke man die Technik Von heute. Dass dergleichen leichter gesagt ist als getan, kann Frobeen inzwischen bestätigen. In geradezu pedantischer Kleinarbeit entstehen in seinem Betrieb mit dem

Namen ,,Die Autoschmiede“ Mercedes-Cabrios, die erheblich mehr sind, als sie scheinen. Das Exemplar auf diesen Seiten ist dafür das bislang beste Beispiel. Da äusserlich ein 280 SE im Traumzustand, vermag es die wahre Identität perfekt zu tarnen. Eine heisse Spur findet sich unter der Motorhaube. Aber es ist nicht das Aggregat, das auffällt, sondern die Nummer auf dem Typenschild: W 118,5.

Was Frobeen als Scherz am Rande versteht, kommt der Realität ziemlich nahe.

118,5 ist das arithmetische Mittel aus 111 und 126 – will heissen, hier paart sich die Karosserie des W 111 mit der Technik des W 126, des Vorgängers der aktuellen S-Klasse.

Von dieser stammen nicht nur grosse Teile der Bodengruppe inklusive sämtlicher

Fahrwerksteile, sondern auch der komplette Antriebsstrang, was logischerweise weitreichende Folgen hat. Die alte Pendelachse beispielsweise hat beim W 118,5 gottlob ausgependelt. Statt dessen sorgt eine Schräglenker-Hinterachse für zeitgemässe Fahrstabilität. Aber auch in den Bereichen Lenkung und Bremsen werden Generationen übersprungen. Selbst auf ABS, ASR und Niveauregulierung brauchen Cabrio-Liebhaber nun nicht mehr zu verzichten, ebenso wenig auf gehobenen Antriebskomfort.

Unter die Haube passen alle Motoren, die auch im W 126 Einzug hielten. Mit geregelten

Katalysatoren, reichlich Leistung und als V8 — mit Leichtmetallgehäuse und

Viergangautomatik bieten sie gleich ein ganzes Bündel Von Vorzügen.

Dem Risiko, dass hier etwas zusammenwachsen könnte, was nicht zusammen gehört, begegnet W 118,5-Erfinder Frobeen mit der ihm eigenen Detailversessenheit.

Da wird nicht geschustert, sondern professionell entwickelt, was unter anderem

die zahlreichen, selbstkonstruierten Versteifungselemente der Karosseriestruktur dokumentieren. Der Rest des Cabrio-Gehäuses besteht aus neuen Originalteilen.

Am Ende winkt das, was sich Freunde klassischer Autos immer erträumen aber in den

seltensten Fällen erleben: Genuss ohne Reue. Eine Ausfahrt im neuen alten Mercedes offenbart Qualitäten, die Zu Lebzeiten des W 111 utopisch waren. Ein viersitziges Cabrio, in dem sich Fahrdynamik und Fahrkomfort auf einem so hohen Niveau vereinen, hätte in den sechziger Jahren jede Konkurrenz vernichtet — auch mit weniger als den 276 PS eines 280 SE 5.6, wie das hier gezeigte Topmodell der W 118,5-Reihe

korrekterweise heissen müsste. Ansonsten ist die Illusion perfekt lm Innern des

neugeborenen Klassikers herrscht zeitgenössischer Luxus in Holz, Leder und Chrom, der die entsprechenden Bemühungen seiner Nachfahren als hilflos bis stillos entlarvt.

Hinter der steil in den Fahrtwind ragenden Windschutzscheibe thront man auf fetten Fauteuils während der Fahrer den knöchernen Kranz eines riesigen Lenkrads

umfasst — die pure Nostalgie. Um so mehr überrascht, dass auch hier der Fortschritt diskrete Spuren hinterliess. Das Radio mag aussehen wie ein altmodisches Becker-Gerät, doch da— hinter tönt— per Fernbedienung — die Neuzeit.

Oder die Klimaanlage: optisch wie einst, technisch aber brandneu, ein Geheimnis,

das auch die verdächtig komfortablen Sitze oder das überraschend moderne Gurtsystem erklärt.

Dass soviel heimliche Perfektion unheimlich viel Geld kostet, liegt auf der Hand,

ist aber für den W 118,5 – Käufer gleichwohl Grund zu klammheimlicher Freude.

Statt eines neuen CL 600 Coupe (226 435 Mark) leistet er sich eben ein neues

280 SE Cabrio. Das beweist zumindest eines: Stil.

Wolfgang König